NMD Neumarkt Dresden Entwurfworkshop, 2016
Überall im Land wird über die Frage nachgedacht, wie man mit dem verlorenen baulichen Erbe einer Stadt umgeht. Die Diskussionen in Braunschweig, Hannover, Berlin und Dresden ähneln sich. Der Verlust der historischen Strukturen wird allerorten beklagt. Auch der Vorwurf an die zeitgenössische Architektur, sie wäre außerstande die Identität der Stadt mit ihren neuen Bauten zu stärken, mündet in allen Orten in eine Wiederaufbaudiskussion, die bei genauem Hinsehen mit Wiederaufbau nichts zu tun hat. In Braunschweig muss eine historische Fassade dafür herhalten eine Shoppingmall zu tarnen, deren Nutzfläche ein Vielfaches des historischen Schlosses beträgt. In Berlin hört der historische Wiederaufbau in der Fensterebene auf- dahinter befindet sich ein moderner Museums- und Bibliotheksbau, der weder die Raumhöhen noch die innere Struktur des Vorgängerbaus wiederherstellt. Und dennoch spricht man von einem historischen Wiederaufbau. Da unterscheidet sich die Bauaufgabe im Quartier am Neumarkt nicht grundlegend. In der Vorstellung der Altstadtfreunde sollen die historischen Fassaden wieder entstehen, die gewünschte Ausnutzung des Grundstücks und der daraus resultierende Schnitt und die Ausnutzung des Daches stehen dem allerdings entgegen. Es geht also, wenn man nicht einen zeitgenössischen Neubau plant, um eine Interpretation der historischen Bebauung. Wir haben uns entschieden, an dieser sensiblen Stelle der Stadt die Struktur und die Körnung des Vorgängerbaus zu übernehmen und mit zeitgenössischen Mitteln zu interpretieren. Die vorliegende Grundrissplanung wird nur behutsam überarbeitet, um den Abstimmungsstand des Projektes als Grundlage der weiteren Planung benützen zu können. Die Frage nach zeitgenössischer Architektur soll unseres Erachtens an dieser Stelle nicht mit der Negierung des Vergangenen beantwortet werden. Wir haben die Struktur des ehemaligen Palais Riesch als Thema für unsere Fassade aufgenommen, interpretieren sie aber neu. Die Erinnerung an den Schmuck des Palais wird wach gehalten als zarte Andeutung durch feine Rillen im Putz. Pilaster, Gesimse und Faschen werden so zitiert, ohne dass man sie stur nachbaut. Zugleich lassen moderne plastische Fensterfaschen und Details keinen Zweifel an der Entstehungszeit des Hauses. Die gewünschten Loggien sind durch die Verglasung mit schlanken Metallrahmen erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar. Auch das funktional erforderliche zusätzliche Geschoss wird wie selbstverständlich eingefügt und nicht durch einen gestalterischen Bruch herausgehoben. So kann die verlorene Identität dieses Ortes zurückgebracht werden, indem historische Strukturen und Gliederungen wieder aufgenommen werden, ohne dass die moderne Architektur in historischer Gefühlsduselei versinkt.